Family Business

Director's Note

Wie Familie in den sich verändernden Gesellschaften in Ost und West funktioniert scheint die große Frage zu sein, die nach jedem Filmprojekt, das ich abschließe, für mich unbeantwortet bleibt. Aufgewachsen in einem Land mit einem funktionierenden Sozialsystem war ich überrascht wie schlau, effizient und rücksichtslos Familien agieren können, wenn der Staat sich raus hält. Sicherheit und Unabhängigkeit, Unterwerfung und Freiheit sind die großen Themen, die im alltäglichen Miteinander der Familien verhandelt werden. Auch in Deutschland zieht sich der Staat immer mehr aus teuren Verpflichtungen zurück und familiäre Werte stehen in der öffentlichen Diskussion. Immer mehr Verantwortung wird von der sozialen Marktwirtschaft an die Familien zurückgegeben.

Mich interessiert das Thema der polnischen Haushaltshilfen in Deutschland, weil es ein Massenphänomen ist. Fast jeder in Deutschland kennt Familien, die eine Polin beschäftigen. Jeder in Polen kennt in seinem direkten Umfeld Frauen (selten auch Männer), die in deutschen Familien arbeiten. Und beide Seiten wissen dazu viele Geschichten zu erzählen. Geschichten von großer Nähe und langer Abwesenheit, von Überforderung und Emanzipation, von zu fettem Essen, von Liebe, Schuld, Dankbarkeit und vom Tod. Und die meisten Geschichten tragen die tiefe Verwunderung über das Familienleben der anderen in sich. Tägliche Abläufe, die Besonderheit des Sprechens, von Berührungen, der familiäre Humor und der geteilte Geschmack sind die Bausteine körperwarmer Normalität. Wer als Kind in der Familie eines Freundes zu Gast war mag sich vielleicht an die Intensität der Wahrnehmung von Kleinigkeiten erinnern, die so anders waren als in der eigenen Familie.

In diese gewachsenen Normalitäten bricht nun in dieser Situation die Wirtschaftlichkeit fühlbar ein. Anne und Jowita treffen aufeinender. Für Jowita ist Annes Wohnung ein Arbeitsplatz. Für Anne ist Jowita mal eine Art Gast, mal eine Hausangestellte. Ihre Rolle ist für sie verwirrend. Wie soll sie sich zu ihr verhalten? Annes Töchter sind beide berufstätig. Sie geben den täglichen Teil der Pflege an Jowita ab und wissen bald viel weniger vom Alltag ihrer Mutter als Jowita. Ähnlich wie in meinem Film „pereSTROIKA – umBAU einer Wohnung“, der vom Verkauf einer Kommunalwohnung in St. Petersburg erzählt, folgt auch „Family Business“ der Spur der ökonomischen Entscheidungen in ihre intimsten Familienbeziehungen hinein. Ich sehe darin einen Mechanismus der gesellschaftlichen Veränderung in Deutschland und in Polen. Der Druck auf die Familien ist größer geworden. Sie müssen flexibel auf den Arbeitsmarkt reagieren und gleichzeitig so viel soziale Sicherheit spenden wie schon lange nicht mehr. „Family Business“ ist bislang mein persönlichster Film.

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