RUKLA - Momentan keine Feindsicht

ein Dokumentarfilm von Steffi Wurster


Sieben Monate bevor Russland die Ukraine angreift, beginnt die Filmemacherin Steffi Wurster in dem litauischen Örtchen Rukla zu drehen. In Rukla, etwa gleich weit entfernt von der russischen und der belorussischen Grenze, hat die NATO tausend Soldatinnen und Soldaten stationiert.
Die Ostflanke des Bündnisses.

Wurster interessiert sich in ihren Filmen für Bilder der Stärke - für deren Posen genauso wie für die dahinter liegenden Arbeitsabläufe. Sie hat einen guten Instinkt für die Orte, an denen im Osten geopolitischen Risse früh sichtbar wurden: 2014 drehte sie vor den Olympischen Spielen in Sotchi, 2018 in Transnistrien. Nun also Rukla.

Kampfbereitschaft ist hier jeden Tag zu sehen und zu hören. Manöver und Übungen der NATO finden das ganze Jahr über statt. Dieser Umstand richtet die Bewohner*innen von Rukla zwischen West und Ost aus, hier haben alle eine Meinung. Dem Film gelingt es jedoch, die verschiedenen Perspektiven als individuelle Wege zu erzählen. Das unscheinbare Rukla hält sie in Balance. Sie prallen nicht aufeinander, sondern erscheinen nachvollziehbar und gleichberechtigt.

Stellvertretend für die NATO, begleitet die Kamera die Soldatin Nina durch das halbe Jahr ihres Einsatzes in Litauen. Als sie in Rukla landet, ist Russland noch ein Feind ohne Namen. Dass Nina bald mit ihrem gepanzerten Leguan Brücken für vorrückende NATO Truppen legen müsste, scheint niemand im Stützpunkt zu befürchten.

Vilma befürchtet jedoch genau das. Als Russland 2014 die Krim annektiert, greift die Ortsvorsteherin von Rukla zur Waffe und trainiert seitdem ihre ganze Familie in paramilitärischer Landesverteidigung. Sie hält die militärische Bedrohung Westeuropas durch Russland für real.

Für den Rentner Georgi und seine Frau Marytje ist das westliche Propaganda. „Wer braucht heute noch Panzer!“ schimpft der gebürtige Belorusse. Tatsächlich zeigen sich die Konflikte zu Beginn des Films noch in Cyberangriffen oder Flüchtlingen, die Belarus einfliegen lässt, um sie Richtung EU über die litauische Grenze zu treiben. Ein hybrider Krieg mit neuartigen Waffen.

Vladas Eltern lernten sich in einem sibirischen Straflager kennen - die aus Litauen vertriebene Mutter als Häftling, der Vater als Aufseher. Der sowjetische Raum ist für ihn nicht nur ein zerfallenes Imperium, sondern Herkunft und Heimat. Er ist Meister darin Widersprüche zu leben.

RUKLA - MOMENTAN KEINE FEINDSICHT erlaubt es für die Dauer eines Films die Zeit zurückzudrehen, und die Gewissheiten des Status Quo in Europa wahrzunehmen, den der Überfall Russlands auf die Ukraine beendet hat.

 

Uraufführung am 24. Januar 2023 im Wettbewerb des Filmfestivals Max Ophüls Preis

 

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